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Musikfest 2026

Klammern

Das Musikfest Berlin 2026

28.08. – 23.09.2026 (besuchte Konzerte zwischen 28.08. und 07.09.2026)

75 Jahre Berliner Festspiele. Das will man feiern, auch wenn da heute keine Fest-Wochen mehr zu feiern sind, vergleicht man das Angebot der Septemberwochen mit dem, was in der Ägide Ulrich Eckhardt zu erleben war: spartenübergreifende Themenerkundungen, statt vor allem Konzerte heute. Ein Musikfest halt. Klar – der Wettkampf der Systeme damals. Das trieb an. Heute vielleicht der zwischen liberaler Demokratie und „illiberalen“ bis autoritär-diktatorischen Regimen.

Immerhin hatte man sich da für das Eröffnungskonzert György Ligetis (1923-2006) einzige Oper „Le Grand Macabre“ eingeladen, uraufgeführt 1978 in Stockholm. Das ist mit musikalischen wie sprachlichen Mitteln von Verfremdung und aberwitziger Ironie ein Werk über einen absurden Staat, der an seiner Absurdität zusammenfällt. Die Vorlage stammt von dem belgisch-flämischen Dichter Michel de Ghelderode.

Ligeti als aus dem ehemals rumänischen Teil Siebenbürgens, später Ungarns stammend, hat den nationalsozialistischen wie dann den stalinistischen Terror an der eigenen Haut erfahren. Bis er 1956 nach dem Ungarn-Aufstand nach Wien floh und dann aufstieg zu einem der führenden Komponisten der Neuen Musik. Seine Spezialität, damals in den 60iger Jahren in Darmstadt als dritter Weg zwischen Stockhausen und Boulez bewundert (wie ich es selbst erleben konnte): die Arbeit mit der von Cage gelernten und weiter entwickelten Mikrotonalität.

In der Berliner Philharmonie hatte man sich eine Produktion des Finnish Radio Symphony Orchestra mit dem Helsinki Chamber Choir unter Nicholas Collon eingeladen, „halb“-szenisch. Die Einrichtung besorgt hatte Frederic Wake-Walker. Und wie das so ist, halbszenisch auf einem Spielraum von Puppenstuben-Format: eher eine Parodie der Parodie. Warum tappt die Festspielleitung immer wieder in diese Falle? Immerhin musikalisch top.

Davor eine gut 20minütige Rede von Meron Mendel, dem israelisch-deutschen Pädagogen und Direktor der Anne-Frank-Bildungsstätte in Frankfurt. Er sollte was zur 75jährigen Geschichte der Berliner Festspiele sagen, wollte aber wohl (laut Manuskript) eine eigene Theorie darlegen: woran darf Kunst politisch sich reiben? Leider mit einem eher schmalen Blick. Und seine Worte waren im Auditorium wegen undeutlicher Artikulation und schwieriger Aussteuerung akustisch ohnehin nur partiell zu verstehen. Die Scharounsche Philharmonie ist eben ein Musik-Resonanzraum, keiner für Reden.

Ligeti

Aus Luzern kam das aus jungen Musikern bestehende Lucerne Festival Contemporary Orchestra für eine konzertante Aufführung von Wolfgang Rihms (1952-2024) vor über 40 Jahren für das Ballett der Deutschen Oper Berlin komponiertem „Poème dansé“ nach Texten von Antonin Artaud „Tutuguri – Der Ritus der schwarzen Sonne“. Rihm war da mit Artaud auf der Suche nach dem „Ur“ der Menschheit. Aber wer weiß schon, was dieses „Ur“ ist? Artaud, Opiaten nicht abhold, meinte es gefunden zu haben bei Indigenen in Mexiko.

Rihm komponierte eine wilde, vor allem durch minutenlange Trommel- und andere Schlagzeugwirbel gekennzeichnete Musik, unterlegt mit rasend repetierenden Ein-Ton-Passagen der Streicher und blitzartigen Einwürfen der Bläser. In der Einrichtung des finnischen Ensembles wurde das unterbrochen von einem weiß gekleideten Sprecher (Michael Engelhardt), der Texte aus Artauds Poem in Anklang an Schwitters‘sche Urlaute dramaturgisch effektvoll rezitierte.

Das Stück, so aus der zeitlichen Distanz und ohne Bühne wieder gehört, zeigt, was ich schon lange für eine Schwäche von Rihms Arbeiten hielt: sein wenig konzises, wenig formbewusstes Komponieren. Früh hat er sich ja von der Schönberg-Schule abgenabelt. Und man fragt sich: Wieviel bleibt innerlich haften von dieser mehr als zweistündigen Dauer-Betrommelung im Vergleich zu einem ähnlich tendierten Werk wie Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“?

Bewundernswert Jörg Widmann, einst Schüler von Rihm, am Pult: ein wirklich kräftezehrender Job, das Stück zusammenzuhalten, die Einsätze präzise zu geben. Und bewundernswert die jungen Musiker, ebenfalls immens gefordert an rein körperlicher Kraft. Ein Cellist allerdings musste gegen Ende des dritten Bilds wohl passen. Er verschwand mit seinem Instrument. Die Aufführung wurde von Teilen des Publikums gleichwohl mit frenetisch johlendem Applaus bejubelt wie ein Popkonzert.

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Eine interessante Programmzusammenstellung brachte das Konzert des London Symphony Orchestra unter Sir Antonio Pappano: das Viola-Konzert (1995) von Sofia Gubaidulina (1931-2025) mit Eivind Ringstad als Solisten und Anton Bruckners Neunter (1896). Beide tiefreligiöse Komponisten. Gubaidulinas gut halbstündiges Konzert kreist wesentlich um die kleine Sekunde d-es und der Versuch, sie zu erweitern. Und auch in Bruckners Symphonie hat dies Intervall, die Ausweitung in die kleine None und unzählige Varianten von bis ins Atonale fortschreitenden Mixturen eine strukturbildende Rolle, dazwischen beo beiden eine gleichsam choralartige Einkehr.<(p>

Fühlt man bei Gubaidulina aber ein merkwürdiges Auf-der-Stelle-Treten mit nur einer großen Erweiterung in brausendes Glissandieren, kommt einem Bruckners Auftürmen von Aufschreien und Abbrüchen ebenso wie schattenhaftes Verdämmern sehr nah. Gerade in dieser, seiner unvollendeten letzten Symphonie erweist sich Bruckner in der Interpretation des LSO als der die Umbrüche seiner Zeit sehr viel sensibler registrierende Komponist als etwa sein Vorbild Richard Wagner in seinem „Parsifal“.

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Das Konzert der NDR Elbphilharmonie öffnete eine Verbindung zum LSO mit Hans Werner Henzes (1926-2012) „Tristan“ (1973 / rev. 1991). Das LSO nämlich hatte den Auftrag gegeben dafür. Ursprünglich war es der Choreograf John Cranko, der aus dem Stoff ein Ballett gestalten wollte mit Musik von Henze und elektronischen Klängen von Peter Zinovieff. Doch Cranko starb noch 1973 in der Konzeptions-Phase. 1973 war auch das Jahr des Militär-Putschs in Chile und des Todes vieler seiner Freunde: Salvador Allende, Pablo Neruda, Ingeborg Bachmann. Henze änderte seine Konzeption. Die von Cranko gewünschten elektronischen Klängen übernahm er als Hintergrund-Material. Es wurde ein Requiem auf das Schicksalsjahr 1973.

Formal ist es ein Konzert für Klavier mit Symphonieorchester, Elektronik und Bezügen natürlich zum „Tristan“ Richard Wagners und auch einer frühmittelalterlichen „niederen“ Variante des Stoffs. Das Klavier hat Henze wie auch beim „Undine“-Ballett mit einbezogen. Das erste Klavier-Prélude dieses ca. 45minütigen „Tristan“ klingt wie eine vorsichtige Annäherung an Stockhausen, dazu die Elektronik. Henze schwebte mit seiner Musik ja immer zwischen der Klassik, der klassischen Moderne und der „Darmstädter“ seriellen Schule. Sein „Tristan“ verklammert den Tristan-Stoff mit der Musik der Aufbruchsversuche im 19.Jahrhundert und 20.Jahrhundert. Grandios dargeboten von dem Hamburger Orchester unter Alan Gilbert und mit der souverän agierenden Tamara Stefanovich am Flügel.

Im zweiten Teil des Abends Johannes Brahms‘ Erste Symphonie – ja auch der Versuch eines Neuanfangs: wie noch Symphonien schreiben nach Beethovens Neunter? Und Henze seinerseits hat wiederum Brahms‘ Erste in seinem „Tristan“ ja kurz eingeblendet. Präzise und mit starker Betonung des abgewandelten Schicksals-Motivs aus Beethovens Fünfter im ersten Satz, ausgefeilter rhythmischer Differenzierung, zumal im Schlusssatz lässt Gilbert das Orchester spielen. Manchmal übertönten die Blechbläser etwas die Streicher. Trotzdem ein gefeierter Abend.

PS: ein Verlust, dass es die Programmhefte nur noch elektronisch zu lesen gibt. Der Veranstalter spart Druckkosten, ein Fortschritt ist es eher nicht.

Fotos: © Fabian Schellhorn