Klangwolke ganz gro . Mal silbrig fein, mal dunkel donnernd oder grollend, mit und ohne schrille T ne. Unisoni, die Dreikl nge aufbauen, meist Dur, selten Moll, auch Quartsext- oder Sextakkorde oder graues bis wei es Rauschen. Sirenen, Pfeifen, Quietschen. Verschwimmend, ins Ungef hre gleitend. Und am Ende eine endlose Kaskade von Glissandi rauf und runter und H mmern auf den Klavieren wie auf einen Amboss.

11.000 Saiten , 50 mikrotonal gestimmte Kastenklaviere und ein Kammerorchester von Streichquartett bis Harfe, Posaune und Schlagwerk. Georg Friedrich Haas hat das Werk 2023 f r Bozen konzipiert. In Berlin kam das gut einst ndige Opus zur Er ffnung der MaerzMusik 2026 in einer alten Schauhalle der AEG in Obersch neweide, der MaHalla, mit dem Klangforum Wien zur Auff hrung. Die Akustik beeindruckend in der gut 10 Meter hohen und wohl an die 80 Meter langen Eisen-Glas-Konstruktion. Die Instrumente um das auf St hlen sitzende Publikum herum im Kreise.
Die Klaviere sind ein Werbegeschenk einer chinesischen Klavierbau-Firma. In S ddeutschland eingelagert werden sie zu Auff hrungen angekarrt. Ein betr chtlicher Aufwand, und der muss sich lohnen . Trotzdem. Die 65 Minuten waren f r mein Empfinden arg zu viel. Es fehlte das Filigrane. Ich erinnerte mich an die wunderbaren Vibrafon-Ensembles von Steve Reich mit ihren schwebend changierenden Kl ngen was Haas m glicherweise vorgeschwebt haben mag. Hier war das aber alles eher mit der dicken Farb-Pistole als mit feinem Pinsel aufgetragen.
Und ern chternd war dann auch das Ende und der Weg aus der MaHalla. Man konnte nicht denselben Eingang zur cknehmen. Denn dort wartete schon eine weitere Menschen-Wolke auf Einlass f r die zweite Vorstellung an dem Abend. Die Autos, die auf dem Hof parkten, konnte man nur mit gr ter M he aus dem Hof herausfahren. Nicht durchdachte Planung. Und warum MaerzMusik-Festivals unter der Leitung von Kamila Metwaly neuerdings mit zwar aufw ndigen und Publikum anziehenden aber wenig substanzhaltigen Produktionen er ffnet werden m ssen, bleibt ein schales Geheimnis.
Klar, die Neue Musik muss sich mittlerweile mit sehr sehr kleinen
Mikro-Buchstaben schreiben. Es scheint alles schon mal dagewesen,
vielleicht nicht in gypten. Da muss halt
der u ere Aufwand beeindrucken.
Foto: Camille Blake
In der Nacht auf den 30.Dezmber 2025 ist Ulrich Eckhardt im Alter von
91 Jahren gestorben. Von 1973 bis 2000 leitete er die Berliner
Festspiele. Unter ihm waren sie wirkliche FESTSPIELE. Studiert hatte er
Rechts- und Staatswissenschaften, Klavier und Dirigieren, spielte Orgel.
H hepunkte seiner Intendanz waren die Themen-Ausstellung Preu en
Versuch einer Bilanz, Berlin Moskau, die Feierlichkeiten zum
750-Jahre-Berlin-Jubil um. Auch den Berliner Philharmonikern diente er
zeitweise als Intendant ad interim.
Mir sehr in Erinnerung die Einladung an Leonid Bernstein, erstmals die Berliner Philharmoniker zu dirigieren, was Chefdirigent Herbert von Karajan immer zu verhindern versuchte. Die Auff hrung der Neunten Symphonie von Gustav Mahler wurde zum Highlight. Mir ebenso pr sent die Einladung an Sergiu Celibidache, sich mit den Berliner Philharmonikern zu vers hnen mit einer unvergleichlichen Auff hrung von Anton Bruckners Siebenter, damals wegen Reparaturarbeiten der Philharmonie im Konzerthaus.
Seine vielen Verdienste von der Entwicklung und Neuerfindung einzelner Sparten bis hin zum heimlichen Ost-West-Kulturbotschafter kann man kaum berbewerten.
Foto: Bernd Kr ger
Ein Musikfest mit zwei verlockenden Konzerten zum Auftakt. Den Beginn machte das Concertgebouw Orchestra. Mit seinem k nftigen Chef Klaus M kel hat es offensichtlich seinen Meister gefunden. So frisch, so pr zise, so klangsch n hat man es schon lange nicht mehr geh rt.
Allerdings hatte M kel auch zwei Juwelen im Programm. Zum einen die letzte nur in Skizzen hinterlassene Sinfonie von Franz Schubert, die Luciano Berio als Rendering zu einem zusammenh ngenden Werk erweitert hat. Berio arbeitet dabei hnlich wie der Maler Gerhard Richter. Er montiert vorhandene Strukturen in einen neuen Gesamtzusammenhang, sie teilweise gleichsam bermalend. Oder andersherum: er montiert Einbr che der Moderne in ein bruchst ckhaft berliefertes Sinfonie-Konzept. Dabei gibt es choralartige Bl serfragmente aber auch an Anton n Dvoř k erinnernde Partien.
Der zweite Teil geh rte B la Bart k und seinem sp ten Konzert f r Orchester. Bart k schrieb es, von seiner schweren Leuk mie gezeichnet, 1943 im amerikanischen Exil. Serge Koussevitzky hatte den Auftrag erteilt, als finanzielle Hilfe. Sein Boston Symphony Orchestra brachte es auch zur Urauff hrung. Mit ihren von scharfen rhythmischen Akzenten, pl tzlichen Abbr chen und Verschiebungen, mit seinen von der Folklore seiner Heimat und anderen s d stlichen Regionen beeinflussten Melodien ist dies Konzert zumal im letzten Satz wie ein Wirbelwind des Vergessens oder ein Versuch, die eigene, doppelt prek re Lage zu bew ltigen. Exzellent.
***
Einen sehr viel schwierigeren Auftrag hatte die litauische Dirigentin Mirga Gra init -Tyla. Vor zwei Jahren endlich im Blickfeld der Festwochen-Leitung angekommen, hatte sie mit einer grandiosen Mahler Zweiten re ssiert. Die inzwischen bei vielen internationalen Musikinstitutionen gefeierte Dirigentin sollte nicht nur ebenfalls ein Werk von Luciano Berio, dessen Geburtstag sich heuer zum hundertsten Mal j hrt, auff hren, sondern auch eines ihres Landsmanns Mikolojus Konstantinas Čiurlionis. Der wurde vor 150 Jahren geboren, starb fr h 1911. Čiurlionis war auch schon mal Thema fr herer Festwochen, wie sie da noch hie en. Pr sentiert wurde er damals vorzugsweise mit seinem bildnerischen Werk.
Jūra (Das Meer), entstanden nur wenige Jahre vor des Komponisten Tod, ist eine Sinfonische Dichtung f r gro es Orchester. Gef hlsaufwallungen, choral hnliche Bl serpartien und auch gesanglichen Partien zeichnen es aus. Als Syn sthetiker ist Čiurlionis nicht den Weg eines Arnold Sch nberg gegangen, hin zur Moderne. Er hat den schwelgerischen Ton der Sp tromantik in extenso weiter gepflegt, was Mirga Gra init -Tyla und das Orchestre Philharmonique de Radio France auch voll auskosten mit einer einf hlsamen, farbenreichen Interpretation. Einen Vergleich etwa mit einem thematisch hnlichen Werk Debussys oder anderen Tondichtungen aus jener Zeit h lt Jūra aber nicht aus.
Luciano Berios Voci (Folk Songs), das erste Werk des Abends, ist da doch sehr viel eindrucksvoller. Berio hat Sizilianische Lieder und Ges nge aufgegriffen und bearbeitet f r eine Solo-Bratsche (Antoine Tamestit mit einem wunderbar weichen Ton). Von zwei hintereinander aufgebauten Kammerorchester-Gruppen l sst er diese Lieder berlagern oder mit peitschenartigen Klang-Hieben abrupt zerst ren. Eine wunderbare Studie ber den Untergang heimischer Kultur durch die harte industrielle Gegenwart.
Passend dazu gab es zum Schluss Maurice Ravels den die Modern Times akustisch analysierenden Bol ro. Zart und leicht verschwimmend noch in den ersten Perioden, dann aber immer machtvoller das Crescendo der neuen Zeit artikulierend, l sst Mirga Gra init -Tyla das Werk mit seinem stampfenden Rhythmus erklingen. Und als Zugabe konnte sie das Orchester animieren zu etwas ganz Besonderem motivieren, und sehr passend zu dem Abend: einem mehrstimmig erst gesummten, dann leise gesungenen Volkslied aus ihrer Kinderzeit. Ber hrend.
berfl ssig am ersten Abend der Auftritt des verdienstvollen Musikfest-Leiters Winrich Hopp. Arg verkrampft versuchte er da eine Werbeaktion f r das noch folgende, offenbar noch ungen gend gebuchte Festival-Programm. Wie auch, man sah kaum Plakate in der Stadt. Inzwischen ist das Musikfest auf ber drei Wochen Dauer aufgebl ht. Von einer kompakten Woche war mal die Rede, sollte es sein, mit absoluten Spitzenkr ften, ohne viel Rankenwerk. Immerhin auch des 90.Geburtstags von Helmut Lachenmann wird gedacht, einst eng vertraut mit Luigi Nono.
Foto: Fabian Schellhorn
Nachdenken ber Melancholie soll man bei Melencolia zum Auftakt der MaerzMusik 2025, eigentlich gegr ndet als Festival aktueller, neuer Musik. Aber melancholisch wird man beim Anh ren/Zuschauen vor allem, wohin das Niveau dieses Festivals gedriftet ist. Eine krude Mischung aus Videos, Tonschleifen, dunkelsinnigen Plattit den und ziemlich viel dilettantischem Agieren von Musiker*innen oder Aufmarschieren von videogerecht gr ngewandeten Chor-Damen bekommt man angeboten. Oder auch einen erlk niglichen Cybertruck im Video ber die Leinwand huschen. Ausgerechnet!
In einem Interview kann die Komponistin Brigitta Muntendorf zwar manch kluge S tze von sich geben ber diese ihre und Moritz Ernst Lobecks Show gegen die Gleichg ltigkeit . Erlebbar auf der B hne wird davon wenig bis nichts. Es gleitet vor ber wie eben eine Show, untermalt entweder mit irrwitzig schnellenKlang-Passagen auf den diversen Streich- oder Blasinstrumenten, oder schmalzigem Gedudel, das per Live-Video vor dem Green Screen mit gestischem Gehampel noch verdoppelt wird. Armes Ensemble Modern.
Oder ein gewaltiger kristallartiger Spiegelklops wird mit sichtbaren Anstrengungen der Agierenden ber die B hne geschoben und schlie lich als Partykugel aufgeh ngt. H hepunkt als Nummer VIII dieses Opus magnum das Video eines rosaroten Kunstbabys an der Nabelschnur, das Hoffnung machen soll auf neues Leben. Letzteres w re insbesondere dem Festival selbst zu w nschen, soll es nicht in totale Bedeutungslosigkeit abgleiten.
Eine geschmacksver(w)irrte Veranstaltung wie diese jedenfalls, auch wenn sie eine Koproduktion mit den Bregenzer Festspielen ist, f hlt sich f r mich an wie mentale K rperverletzung. Und das mit maximalem technischen und wohl auch finanziellen Aufwand. Oder sollte das alles gar ironisch gemeint sein?
Foto: Anja Koehler Bregemzer Festspiele
Das Orchester der Zukunft? Gef hlt dreiviertel der Musiker*innen: Frauen. Mit Ingo Metzmacher am Pult spielt das Gustav Mahler Jugendorchester ein Programm, das zum einen dem Jubilar des Jahres Anton Bruckner huldigt, zuvor aber Musik aus dessen k nstlerischer N he mit zeitgen ssischer Verfremdung bietet. Von Richard Wagner aus dem Parsifal das Vorspiel zum 1. Aufzug und der Karfreitagszauber. Sehr weich gibt Metzmacher die Eins tze bei Wagner. Nicht immer pr zise reagieren die Musiker*innen k nnen reagieren, zumal die an den Blasinstrumenten. Aber es f gt sich perfekt zu der Interpolation, die Metzmacher eingef gt hat: von seinem Lieblingskomponisten Luigi Nono A Carlo Scarpa , 1984 kurz nach seinem Prometeo , entstanden, eine zarte Musik, die sich gleichsam tupferhaft verliert im All. Danach die Brucknersche Dritte in der ersten Fassung. Wie verspielt wirkt sie mit ihren riesigen B gen einerseits, den unendlichen Wiederholungen, Br chen, Echowirkungen andererseits. Ein Traum.
Ein Hammerschlag er ffnet die Dis-Kontur , 1974 konzipiert und zehn Jahre sp ter revidiert von dem vor kurzem verstorbenen Wolfgang Rihm. Die Filarmonia della Scala unter Riccardo Chailly bot sie neben Berios ebenfalls zum Teil heftigen Quatre d dicaces und Ravels Suite Nr. 1 aus Daphnis et Chlo . Mit ohrenbet ubendem Trommeln geht s in diesem knapp halbst ndigen Werk Rihms auch weiter. Schrille Mixturen wechseln mit stampfenden Rhythmen. Aber auch stillere Partien sind gelegentlich eingef gt. Zugetraut h tte ich Rihm diese eher an Var se erinnernde Musik eigentlich nicht. Zumal Rihm ja immer gern als ein Vers hner mit der Moderne sich verstand.
Eine unerwartet starke Interpretation von Mahlers Sechster Sinfonie die mit dem Hammerschlag h rte man auch im Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter Sir Simon Rattle. Rattle hatte die Mahlersche Sechste meiner Erinnerung nach auch in den fr hen Jahren als Chef der Berliner Philharmoniker mal auf dem Programm. Nachhaltig in Erinnerung blieb mir diese nicht. Zu milde schien sie mir. Ganz anders, h rter, formt er sie jetzt mit seinen BR-Musiker*innen. Hatte man im ersten Satz an einigen Stellen nicht so ganz den Eindruck, dass Rattle den Klang optimal ausbalancierte die Oberstimmen gingen manchmal etwas unter, so kam die Balance dann doch bald gut ins Lot. Und zumal im Finale war da eine gro e Ausgewogenheit des Klangs zwischen Streichern und Bl sern. Gut ausgeleuchtet die Licht-Schatten-Wirkungen, die Mahler in dieser seiner Schicksals -Symphonie einbaut, und auch die gleichsam Fernblicke in eine idyllische fernere W nsche-Welt.
Als Orchesterparade war das Musikfest der Berliner Festspiele in Kooperation mit den Berliner Philharmonikern mal geplant. L ngst hat es sich ausgeweitet zu einem eigenst ndigen Festival. Drei Wochen lang. Etwas un bersichtlich wirkt es und berfrachtet. Nicht immer ist der Konzertsaal gut gef llt wie etwa bei dem h renswerten Konzert der Musiker*innen aus Mailand. Vielleicht t te etwas Konzentration doch mal wieder gut.
Foto: Marco Borrelli / gfk
Ein seltsames Musikfest. Da watscht ein Dirigent, ein sehr ber hmter, einen S nger ab, und muss dann die weitere Tour seiner Produktion absagen. Ein Assistent bernimmt. Ich habe den Event nicht gebucht und also nichts vers umt. Ich h tte dies Konzert sowieso nicht gebucht diesmal freilich die sehr begehrenswerten Les Troyens von Hector Berlioz. Die halb-szenischen Produktionen von Sir Eliot Gardiner waren mir, seit ich die erste mitleiden musste, ein Gr uel. Musiktheater ist f r mich was anderes als dilettantisches Gehampel auf der B hne. Und gerade die Trojaner sind mir in der unvergleichlichen Inszenierung von Ruth Berghaus, 1983 in Frankfurt mit Michael Gielen und Hans Dieter Schaal im Team, in innigster Erinnerung und Ma stab.
Dann: die Zweite Symphonie von Gustav Mahler. Ganz gewiss der H hepunkt dieses Festivals. Eingeladen Mirga Gra init -Tyla mit den M nchner Philharmonikern und dem Philharmonischen Chor. Das Konzert sollte ungew hnlicherweise erst um 20:30 h beginnen. Als man vor Ort ankam, war auf Bildschirmen zu lesen, das Konzert werde eine Viertelstunde sp ter beginnen, Einlass 20:30 h. Die Besucher im ausverkauften Haus dr ngten sich vor den T ren ein echter Corona-Hotspot. 20:37 h endlich ffneten sich die T ren. Gegen 20:52 h dann im Saal die Erkl rung f r die Versp tung: 10 Stunden waren Chor, Orchester und die Dirigentin im ICE von K ln nach Berlin unterwegs . Schallendes Gel chter im Saal. Und frenetische Begr ung der Musiker. Nach dem Konzert am Hinterausgang sah man, wie Mitarbeiter Berge von leeren Pizza-Kartons entsorgten. Die armen Musiker, und vielleicht ein Nachdenken bei der Festivalleitung ber k nftige Planungen.
Die Auff hrung selbst: ein Wunder. So fein ziseliert, energisch, schroff und weich in den berg ngen, so durchh rbar und klangsch n habe ich dies Werk nie geh rt. Selbst wohl bei Abbado nicht, der ja eher eine sanfte Art des Herangehens an Mahler hatte. Energiegeladen, explosiv das Hauptthema des ersten Satzes, von therischer Leichtigkeit und Sch nheit das Seitenthema. Delikat atmend der L ndler des zweiten Satzes mit den harschen Einbr chen einer brutalen Gegenwart. Gestisch sehr pr zise der dritte Satz. Mit dem bergang zum Alt-Solo. Leider passte Okka von der Damerau mit etwas viel Vibrato sich nicht so recht dem Konzept an. Wohl aber Talise Trevigne mit ihrem hellen Sopran. Sehr diszipliniert der Chor vom zartesten Pianissimo bis zum heftigsten Fortissimo. Pr chtig der geschmeidige Klang der Streicher und Holz- und Blechbl ser.
Ein tiefes Erlebnis jedenfalls im Unterschied zu der Ersten Mahler-Symphonie, wie sie die jetzt mit viel PR lautstark gefeierte neue Chefdirigentin des Konzerthausorchesters Berlin, Joana Mallwitz, bei ihrem Konzerthaus-Debut im Umfeld des Musikfests vorlegte. Da ist leider viel u erliches Gehabe, Eitelkeit, Mode und weniger echte Substanz, trotz des wohl bemerkenswerten Ged chtnisses. Petitessen wie Prokofjews gewitzte Symphonie classique, die sie zum Auftakt spielen lie , liegen ihr da wohl am ehesten.
Aus M nchen ebenfalls angereist das Bayerische Staatsorchester, das Hausorchester der Nationaloper unter ihrem Dirigenten Vladimir Jurowski. Als Hauptwerk hatte es Richard Strauss Alpensinfonie im Programm, ausgef hrt mit allem Pomp und malerischer Delikatesse. Zuvor noch Alban Bergs Violinkonzert, von der Norwegischen Geigerin Vilde Frang mit Hingabe, aber doch etwas schmalem Ton gespielt. Und zur Einleitung eine Symphonie Nr. 3 White Interment der ukrainischen Komponistin Victoria Vita Polev (* 1962), ein mit liegend-changierenden Kl ngen arbeitendes etwa 15-min tiges Werk, das freilich etwas ziellos m andert bis zum Vogelruf am Ende. Und ganz davor gab s noch einen impulsiven Auftritt der Staatsministerin f r Kultur und Medien, Claudia Roth, die in enthusiastischen Worten die 500-j hrige Institution Bayerisches Staatsorchester w rdigte und den Dirigenten Vladimir Jurowski als Br ckenbauer zwischen Berlin (RSO) und M nchen pries. In Vorkriegs -Zeiten berbr ckte Jurowski indes auch zudem die Distanz zur Heimat seiner Familie in Moskau. Roth hinwiederum freute sich ber die Musiker aus M nchen als Gru aus ihrer Heimat und besonders auf die Kuhglocken der Alpensinfonie.
Zu erw hnen noch Sir Simon Rattles Abschiedstournee mit seinem London Symphony Orchestra. Jetzt wechselt er zum BR-Sinfonieorchester. Gustav Mahlers Neunte Symphonie hatte er im Gep ck. Wirkte der erste Satz mit seinen massiven Interventionen von Bedrohungen noch etwas wenig strukturiert, so kam Rattle bei den folgenden S tzen doch mehr zu sich, wenn er auch nicht die Strukturiertheit eines Leonard Bernstein erreichte. Bemerkenswert die Pianissimi des Verhauchens, auch eines Lebensgef hls f r eine bessere Zukunft, die im Schlusssatz der Zweiten Symphonie noch ein so m chtiger Weckruf sind, und die von Rattles Nach-Nachfolgerin beim City of Birmingham Symphony Orchestra, Mirga Gra init -Tyla so meisterlich herausgearbeitet wurden. Dass sie jetzt auf den Job in Birmingham verzichtete aus ganz privaten Gr nden , macht Hoffnung ihr fter auf dem Kontinent zu begegnen. Lange genug hatte es gedauert, bis die Berliner Festspiele sie einluden.
Fotos: © Fabian Schellhorn
Die sch nste Farbe ist die des neuen Plakats: Bordeauxrot mit Schattierungen. Betrunken wird man davon nicht, also von dem, was es ank ndigt, die neue MaerzMusik unter der neuen Leitung von Kamila Metwaly. Ein Wechsel war schon seit Jahren berf llig, nachdem der Vorleiter, Berno Odo Polzer, das Festival, das der neuen oder Aktuellen Musik gewidmet sein sollte, in einen teils virtuellen, teils realen Eiskeller-Schlafsaal verkommen hat lassen.
Immerhin am ersten Abend in der renovierten Hauptspielst tte der Berliner Festspiele ist der Laden voll. Das Publikum musste allerdings viel Geduld aufbringen f r das, was es von Michael Beil und dem Nadar Ensemble geboten bekam: Kurzimpressionen la TikTok. In sechs K sten wie Handy stehen Figuren mit bunten Klamotten. Mal mit Instrumenten, mal nur mit Porree-Wedeln, hektisch sich gestikulierend gemeint wohl Tanz in der Disco. Die Jalousien an den K sten gehen kurz auf und schnell wieder zu. Farbiges Discolicht und dazu eine minimalistisch nicht-vielfarbige sondern eint nige Ger uschkulisse, deren Verursacher auch mal die K sten verlassen.
Hide to Show nennt sich das Ganze. Laut Programmzettel soll es simulieren, wie man sich f hlt, wenn man allein ist in einem Raum und sich mit Leuten synchronisiert, die man nicht sieht. Oder es soll sein wie sich beobachtet f hlen und sich selber sichtbar oder unsichtbar machen. Und es soll eine Lektion sein ber Hyperrealit t, wie eine Gruppe von Menschen, die nicht sichtbar ist, in die eigene Realit t hineinkopiert wird. Hochbedeutendes Kauderwelsch.
Grenzraum H ren ist eine Programmreihe berschrieben, die das H ren selbst zum Thema macht. Ein Kontrastprogramm zum Auftakt. Jakob Ullmann, einer der wichtigsten j ngeren Komponisten aus der ehemaligen DDR und endlich mal wieder im Fokus, und Pauline Oliveros haben das konzipiert. Man sitzt im fast leeren Parkett vor der gro en B hne des Festspielhauses und h rt fast nichts, bzw. das Sirren der elektrischen Installationen. Aber langsam h rt man doch auch noch was mehr: sehr ferne Pfeift ne, zu Intervallen sich spreizend und wieder sich verengend, unendlich langsam die Vorg nge und fast nur ein Hauch. Ein Ort der Meditation, der Andacht, des in sich selber Hineinh rens.
Hans Otte mit seinem gro artigen Festival der Bremer Neue-Musik-Tage in den 1970iger Jahren hatte immer mal wieder solche Punkte im Programm. Dort war die sthetik um John Cage, der mit seinen 4 33 ja einen Markstein gesetzt hatte, richtungweisend. Ich war zwar immer etwas skeptisch, und es war auch viel Kult um Cage, um seine Pilze und seine Freundschaft mit Merce Cunningham und David Tudor. Aber solche Haltepunkte zu setzen ist gerade heute wieder ein Petitum. Cage hat ja auch mal gesagt, er wolle so schreckliche Musik schreiben, dass man gern in den Alltag zur ck geht. Und der ist f r viele zweifellos TikTok, kaum Warten auf Godot.
PS: 6000 Besucher wurden offiziell bei den Veranstaltungen insgesamt gez hlt. Etwa so viel wie zuletzt unter der alten Leitung. In fr heren Zeiten waren es mal doppelt so viele.
Fotos: © Camille Blake
Die neue Leitung der Berliner Festspiele hat sich vorgestellt. An der Spitze Matthias Pees, vielfach erprobt in leitender Funktion. Konkretes h rte man da wenig. Stattdessen viel modisches Wortgeklingel von divers bis inklusiv usw. Am fundiertesten noch der Japaner Yusuke Hashimoto, der bislang ein Avantgarde-Theater in Tokyo leitet. Als leitender Dramaturg soll er nun dem vielgliedrigen Berliner Festival Linien einziehen. Unter anderem den Pazifik will er dem Berliner Publikum n herbringen.
In der f r neue Musik zust ndigen MaerzMusik will die gypterin Kamila Metwaly de-koloniales H ren f rdern was immer das sein soll. Dabei w ren gerade in der MaerzMusik gr ndliche Aufr umarbeiten von N ten, nachdem der vormalige Programmverantwortliche Odo Polzer allzu sehr in seinem eigenen sthetischen Turmkeller werkelte. Auch f rs Jazzfest gibt s mal endlich eine Frau als Leiterin, Nadin Deventer. Immerhin.
Das dickste Fragezeichen ist das neue ukrainisch-polnisch-deutsche Leiterinnen-Quartett f r das Theatertreffen: Olena Apchel, Marta Hewelt, Carolin Hochleichter und Joanna Nuckowska. Zwar wurden Beruhigungspillen verabreicht, dass z.B. nach wie vor eine 7-k pfige Kritiker-Jury f r die Auswahl der bemerkenswertesten Produktionen (was immer die sein sollen) zust ndig ist. Daneben aber soll es praktisch ein Parallel-Theatertreffen geben, sodass sich das Haupttheatertreffen auf dem Nebengeleis findet.
Nun hat ja die disruptive T tigkeit des vormaligen Intendanten Thomas Oberender das Theatertreffen weitgehend zur Farce verkommen lassen. Ob aber die Doppelgleisigkeit dem Event wieder mehr Wumms verschafft, bleibt dahingestellt, zumal von zwingenden theater sthetischen Vorstellungen des neuen Teams nichts zu h ren war. Von Nachhaltigkeit wird zwar viel geredet, allein es fehlen die Taten.
Am solidesten wie (fast) immer der bisherige und auch k nftige Leiter des MusikFests, Winrich Hopp. Nach wie vor will er aber eher ppige Festwochen programmieren, als ein MusikFest, wie es mal als kompakter Einstieg ins Musikjahr konzipiert war. Immerhin hat er auch schon ein paar inhaltliche Leitlinien verraten, an denen er sich in den n chsten Jahren orientieren will. In der Musik sind das ja meist historische Daten. Aber die Moderne ohne ihre Geschichte was w re das?
Festspiele das waren mal heilige Tage. In der Antike. hnlich wollte es Richard Wagner in Bayreuth halten, und dann Gustav Mahler bzw. seine Erben Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal, Franz Schalk und Richard Strauss in Salzburg. Davon ist nichts mehr brig, auch an den genannten beiden Orten. Gerade das Jahr 2022 lieferte da eindrucksvolle Beispiele. Man sollte sich aber doch gelegentlich daran erinnern, was Festspiele mal sein wollten. Denn k nstlerische Anstrengungen, an die man sich schon beim Verlassen des Theaters nicht mehr erinnern kann oder will, werden irgendwann berfl ssig.
Der Paukenschlag gleich zu Beginn. Der neue Jungstar der Szene, der Finne Klaus M kel , mit dem Concertgebouworkest Amsterdam und Mahlers Sechster zum Auftakt des Musikfest 2022 Berlin. Erstmals auch wieder ohne Corona-bedingte Einschr nkungen. Wie M kel diese Mahlersche Tragische die mit den zwei ber hmten Hammerschl gen im Schlusssatz und einem hochpr zis und zugleich h chst differenziert und klangsch n aufspielenden Orchester versinnlicht, weckt Erinnerungen an allerh chste Ma st be. Jede Nuance in der Dirigiersprache M kel s wird da vom Orchester aufgegriffen. Feinste Abstufungen in Rhythmik, Agogik, Akzentuierung wei M kel der Partitur zu entlocken. Man ist von Anfang bis Ende der knapp 80min tigen Symphonie gefesselt. Perfekt. Und eigentlich w re das genug f r einen Konzertabend. Davor hat M kel aber ein Werk seiner finnischen Landsfrau Kaija Saariaho gesetzt, Orion . Auch damit wissen er und das Orchester zu brillieren. Es ist aber doch mehr u erliche Firnis, die da hochglanzpoliert her berkommt.
Ein anderer Star der j ngeren Dirigenten-Generation, nicht mehr ganz so jung, ist der Kanadier Yannick N zet-S guin. Weltweit schon bei allen Spitzenorchestern unterwegs. Seit zehn Jahren Chef des Philadelphia Orchestra. Auch er ein sehr impulsiver Pultvirtuose, der die erklingen sollende Musik den Musikern gleichsam vortanzt. Bei ihm stehen ein Werk der hier eher unbekannten Afro-Amerikanerin Florence Price (1887-1953) auf dem Programm, ihre erste Symphonie aus dem Jahre 1933, nach dem Vorbild Dvoř ks. Folkloristisches ist da in eine sehr expressive Musiksprache eingebunden. Davor von Karol Szymanowski das Konzert f r Violine und Orchester Nr. 1. Die Lyrismen dieser Musik kommen der Solistin des Abends, Lisa Batiashvili mit ihrer bis in die h chsten H hen stechend sauberen und zarten Tongebung sehr entgegen. Demonstrativ tritt sie in einem gelb-blauen Kleid auf die B hne. Am s ffigsten entfalten kann N zet-S guin seine Klangvorstellungen im Auftakt-St ck, Dvoř ks Konzertouvert re Karneval . Wie der Dirigent hier die Farben zum Leuchten bringt, die Akzente und Rubati setzt, das sucht Seinesgleichen.
Weniger extrovertiert in seinem Dirigierstil Lahav Shani, Z gling u.a. der Berliner Eisler-Musikhochschule und gef rdert von Daniel Barenboim. Nicht nur als Dirigent sondern auch als Pianist ein aufgehender Stern. Interessant bei ihm und dem Rotterdams Philharmonisch Orkest, dessen Chef er ist, eine Wiederbegegnung mit Atmosph res von Gy rgy Ligeti (1923-2006). 1961 entstanden als eine Art Gegenentwurf zur seriellen Musik Stockhausens wirkt das Werk mit seinen sanft an- und abschwellenden Clustern heute doch etwas blass. Erstaunlich auch, dass Shani es als gleichsam Einspielst ck zu der dann folgenden 2.Symphonie des holl ndischen Komponisten Willem Pijper (1894-1947). Das zweis tzige Werk, 1921 entstanden, wirkt mit seinem maschinenartigen Ansatz wie ein Versuch in der neuen Sachlichkeit jener Zwanziger Jahre und zugleich auch mit seinen melodischen und t nzerischen Fetzen wie eine Antwort auf Gustav Mahler. Dessen 1.Symphonie bildet den fulminanten zweiten Teil dieses Konzerts.
Weitere Highlights dieses Musikfests: der farbenfrohe Auftritt des Koreanischen Gugak Center mit einer traditionellen Ahnenzeremonie, oder als Kontrast das Ensemblekollektiv Berlin unter Enno Poppes Leitung mit u.a. Musik von Iannis Xenakis oder auch das Genter Collegium Vocale unter Philippe Herweghe mit Monteverdis erratischer Marienvesper. Ein wieder vielf ltiges Programm, das aber in Nach-Corona-Zeiten sein Publikum suchen muss. Oder ist das Musikfest in einer Stadt wie Berlin inzwischen im Ambitus einfach wieder zu ppig geworden?
Fotos: © Fabian Schellhorn
Matthias
Pees, geboren 1970 in Georgsmarienh tte, hat als Intendant und
Gesch ftsf hrer des internationalen Produktionshauses K nstlerhaus
Mousonturm in Frankfurt am Main (2013 2022), Leitender Dramaturg der
Wiener Festwochen (2010 2013), Gr nder und Ko-Gesch ftsf hrer des
internationalen Produktionsb ros prod.art.br in S o Paulo (2004 2010),
Programmdramaturg der Ruhrfestspiele Recklinghausen (2003 2004),
Theaterdramaturg am schauspielhannover (2000 2003) und an der Volksb hne
am Rosa-Luxemburg-Platz (1995 2000) sowie zuvor als Kulturjournalist und
Theaterkritiker Erfahrungen in verschiedenen Bereichen und auf mehreren
Seiten der darstellenden K nste gesammelt.
Perspektivwechsel, kooperatives Arbeiten und transformative Praktiken standen dabei erkl rterma en im Zentrum seines Interesses; Themen wie globale Solidarit t und Postkolonialismus, Zusammenhang und Zukunft von Internationalit t und Diversit t pr gten seine Spielpl ne und Projekte. In Frankfurt und der Rhein-Main-Region initiierte oder mitgestaltete er gro e interdisziplin re Festivals und Kooperationsprojekte u. a. mit dem Ensemble Modern, dem J dischen Museum Frankfurt, dem Hessischen Staatsballett oder zuletzt mit dem Schauspiel Frankfurt, dem Museum Angewandte Kunst und der Frankfurter freien Szene f r die Ausrichtung der Festivals Politik im freien Theater der Bundeszentrale f r politische Bildung/bpb und Theater der Welt des Internationalen Theaterinstituts (ITI).
PS: Als erste Amtshandlung hat er eine neue Leitung f r das Theatertreffen berufen. Gleich vier K pfe sollen das in den letzten Jahren arg heruntergewirtschaftete Festival wieder auf Trab bringen: die ukrainische Theaterregisseurin Olena Apchel, die Produktionsleiterin Marta Hewelt, die Dramaturgin Carolin Hochleichter und die polnische Kulturmanagerin Joanna Nuckowska.
Liest sich etwas nach modebewusst und Angst vor der Verantwortung einer einzigen Person. Im Theater hat Kollektivit t aber nie richtig funktioniert. Und wenn man an den in diesen Tagen 97j hrig verstorbenen Theater-Magier Peter Brook denkt - er kreierte ein Theater im leeren Raum, das einen von der ersten bis zur letzten Minute fesselte. Es gibt schon noch Theatermacher, die das k nnen. Aber sie sind nicht mehr gefragt.