dob ab 2019

index
home-dob

HeartChamber
Forza del destino

Glissandierend

Uraufführung „Heart Chamber“
von Chaya Czernowin

15. Nov. 2019

Ah, das also ist Liebe – jedenfalls eine à la Chaya Czernowin. Irgendwie gefriergetrocknet, verödet. Hat die aus Israel stammende, in den USA lebende Komponistin (Jahrgang 1957) in ihren früheren Werken fürs Musiktheater hauptsächlich sich um politische Themen gekümmert – die Weltkriege, das Verhältnis Israeli/Palästinenser –, wollte sie nun etwas über das Innerste schreiben. Nach eigenem Libretto. Das was zwischen zwei Menschen passiert, passieren kann, Männlein-Weiblein oder auch anders. Und das auf großer Bühne, wo sonst Tristan und Isolde und andere an ihren Gefühlen zugrunde gehen. Und auch mit einem Überangebot an musikalischen Mitteln. Der Orchestergraben für „Heart Chamber“ ist prall gefüllt. Weitere Musiker sitzen in Kabinen auf den Zugangsstegen und in den vorderen Logen des Zuschauerraums. Dazu Elektronik, gesteuert von der Mitte des Parketts aus.

Es beginnt ganz im Dunkeln mit einem etwas zu ausführlichen Kontrabass-Solo. Dann gehen plötzlich die Lichter auf der Bühne an, und man sieht – einige Meter voneinander getrennt – eine Frau und einen Mann kurz vorm Eintauchen in den Silbersee. Mit Punktscheinwerfern ausgeleuchtet sitzen sie reglos in einem Sessel. Das musikalische Umfeld belebt sich peu à peu. Die beiden Figuren mit auch ihren jüngeren Schattenfiguren beginnen Laute von sich zu geben, meist glissandierende oder auch nur einfach gesprochene: Englisch, wird zeitgleich deutsch übertitelt. Man kann die Texte auch im Programmheft vor- bzw. nachlesen. Gestammel, selten ein zusammenhängender Satz. So geht Liebe.

Auf der Bühne von Christian Schmidt lässt Regisseur Claus Guth immer mal auch wieder andere Menschen stehen, schreiten, Treppen steigen oder Gegenstände von der Treppe auflesen. Möglichst gedankensparend in Zeitlupe. Fast im Minutentakt rotiert dafür die Drehbühne. Auf den großen Flächen der einen Seite werden Videos projiziert. Sie zeigen die Protagonisten beim Betreten kreideweißer Innenräume oder beim Flanieren durch Geschäftsstraßen. Auch die Rückseite der Bühne, ein modernes Wohnhaus mit großer Freitreppe davor, wird mit Projektionen bestrahlt. Die schönste kommt gegen Ende: ein Bienenschwarm – emsig also und im Schwarm geht’s zu in der Liebe. Zwischendurch werden auch mal die Arbeitsplätze gezeigt: Frau links - Küche, Mann rechts - Büro.

Regisseur Guth will aus den Textbrocken gleichsam eine Geschichte formen. Spannung zur Musik entsteht nicht. Der Höhepunkt immerhin ist, dass die beiden Hauptfiguren am Ende auf einem Teppich von Rosenblättern oder Ähnlichem sich einander auf Knien ihre Liebe gestehen. Black. Johannes Kalitzke am Pult im Graben hat das Ganze gut im Griff. Und der Apparat ist kompliziert genug. Patrizia Ciofi als Sie (mit Gedankenstimme Noa Frenkel) und Dietrich Henschel als Er (mit Gedankenstimme Terry Wey) werden vor allem stimmlich gefordert, szenisch kaum. Am Ende (nach 90‘) gibt’s wie von Geisterhand gesteuert stürmische Bravi, für das Regieteam aber auch ein vereinzeltes aber kräftiges Buh.

Dass die Deutsche Oper in jeder Spielzeit eine Uraufführung präsentiert, ist mehr als löblich. Tröstlich: auch dem legendären Rolf Liebermann ist in den insgesamt rund zwanzig Jahren damals als Intendant der Hamburgischen Staatsoper kaum mehr als eine Uraufführung geglückt, an die man sich heute noch erinnert. Czernowins „Heart Chamber“-Libretto trägt übrigens eine Widmung: Steven Kazuo Takasugi.


Dramaturgen-Theaterei

Frank Castorf verhebt sich an Verdis „La forza del destino“

08. Sept. 2019

Ein triumphaler Auftakt sollte das wohl werden: Frank Castorf an der Deutschen Oper und er inszeniert Verdis „La forza del destino”. Aber hat er eigentlich was inszeniert? Diese Video-Show von Inserts, die nur sehr weit hergeholt was mit der Oper zu tun haben? Gleich zur – exzellent vom Orchester gespielten und feinfühlig von Jordi Benàcer dirigierten Ouvertüre – bekommt man die Runen des faschistischen Europas vorgeführt mit einem grob konturierten Caudillo Generalissimo Franco-Plakat auf der Tribüne über einem Unterstand zu Gesicht. Dazu hält ein älterer Mann, es soll wohl Leonoras Vater sein, nicht hörbare aber per Live Video-Kamera übertragene und nicht nur von den Lippen ablesbare Reden. Derweil die Tochter sich dem Unterstand nähert usw.

Irgendwann wird die oben links im Portal hängende, ausrollbare Leinwand wieder eingerollt. Und nun könnte was auf der Bühne passieren. Es passiert aber nichts. Ist langweiliges konventionelles Rampen-Stehtheater. Immer mal wieder tauchen Figuren auf, die mit irgendwas beschäftigt sind. Eine Stewardess-artig bekleidete junge Frau, die irgendwas – wohl Austern, von deren Zubereitung zu einer Suppe mal die Rede ist – in sich hineinschlozt und die Abfälle fallen lässt. Oder eine Truppe von Freischärlern wohl mit einem nur mit einer Blitzer-Boa- plus Tanga-geschmückten Transen-Indio. Der soll an die Herkunft des Leonora-Geliebten Don Alvaro aus dem Spanien-eroberten Südamerika erinnern.

Der Indio ist dann die eigentliche oder sogar einzige Figur, auf die Regisseur – oder sollte man lieber sagen Arrangeur – Castorf sein Augenmerk richtet. Per live-Video und on-Live darf man ihn bewundern – damit nur irgendwas passiert. Auch ein bisschen Homoerotik bzw. #MeToo ist dabei. Etwa vor der Fassade einer Kirche mit Mönchen, die im Hintergrund ihre Runden ziehen oder sich ganz brav zum Chor auf der Treppe vor dem Portal postieren. Zuvor schon musste er sich die Aufmerksamkeit allerdings teilen mit irgendwelchen Guerilleros, die – ebenfalls per Live-Video vergrößert – sich verkloppen oder nach Waffen und Sprengstoff in Kisten buddeln. Naja und so weiter.

Frank Castorf war mal ein toller Regisseur. Leider ist das schon viele Jahre her. Seine Belesenheit hat sich seither stark erweitert, wie er in einem Programmheft-Interview glaubhaft macht. Das ergäbe einen guten Dramaturgen. Auf der Bühne, dem Arbeitsfeld eigentlich eines Regisseurs, sieht man davon nichts. Theater sind nicht irgendwelche Faxen, sondern Vorgänge, die den Zuschauer selbst zum Nachdenken anregen. Hier wird nur der große Trichter aufgepflanzt und gefüttert. Durch den aber kommt beim Zuschauen nichts an außer Störelementen. Die aber reichlich. Heiße Luft, aufgebläht zu über drei Stunden.

Schon zur Pause gibt es zarte Buhs, die sich dann zur „Schlacht des Schicksals“ für den einstigen Volksbühnen-Star ausweiten. Auch 1982 bei Hans Neuenfels‘ Inszenierung dieser Oper gab’s ein höchst bewegtes Publikums-Echo. Da allerdings ging’s um was, inhaltlich. Hier fremdschämt man sich nur um den Aufwand bei dieser bräsig-selbstverliebten Dramaturgen-Theaterei.