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Forza del destino

Dramaturgen-Theaterei

Frank Castorf verhebt sich an Verdis „La forza del destino“

08. Sept. 2019

Ein triumphaler Auftakt sollte das wohl werden: Frank Castorf an der Deutschen Oper und er inszeniert Verdis „La forza del destino”. Aber hat er eigentlich was inszeniert? Diese Video-Show von Inserts, die nur sehr weit hergeholt was mit der Oper zu tun haben? Gleich zur – exzellent vom Orchester gespielten und feinfühlig von Jordi Benàcer dirigierten Ouvertüre – bekommt man die Runen des faschistischen Europas vorgeführt mit einem grob konturierten Caudillo Generalissimo Franco-Plakat auf der Tribüne über einem Unterstand zu Gesicht. Dazu hält ein älterer Mann, es soll wohl Leonoras Vater sein, nicht hörbare aber per Live Video-Kamera übertragene und nicht nur von den Lippen ablesbare Reden. Derweil die Tochter sich dem Unterstand nähert usw.

Irgendwann wird die oben links im Portal hängende, ausrollbare Leinwand wieder eingerollt. Und nun könnte was auf der Bühne passieren. Es passiert aber nichts. Ist langweiliges konventionelles Rampen-Stehtheater. Immer mal wieder tauchen Figuren auf, die mit irgendwas beschäftigt sind. Eine Stewardess-artig bekleidete junge Frau, die irgendwas – wohl Austern, von deren Zubereitung zu einer Suppe mal die Rede ist – in sich hineinschlozt und die Abfälle fallen lässt. Oder eine Truppe von Freischärlern wohl mit einem nur mit einer Blitzer-Boa- plus Tanga-geschmückten Transen-Indio. Der soll an die Herkunft des Leonora-Geliebten Don Alvaro aus dem Spanien-eroberten Südamerika erinnern.

Der Indio ist dann die eigentliche oder sogar einzige Figur, auf die Regisseur – oder sollte man lieber sagen Arrangeur – Castorf sein Augenmerk richtet. Per live-Video und on-Live darf man ihn bewundern – damit nur irgendwas passiert. Auch ein bisschen Homoerotik bzw. #MeToo ist dabei. Etwa vor der Fassade einer Kirche mit Mönchen, die im Hintergrund ihre Runden ziehen oder sich ganz brav zum Chor auf der Treppe vor dem Portal postieren. Zuvor schon musste er sich die Aufmerksamkeit allerdings teilen mit irgendwelchen Guerilleros, die – ebenfalls per Live-Video vergrößert – sich verkloppen oder nach Waffen und Sprengstoff in Kisten buddeln. Naja und so weiter.

Frank Castorf war mal ein toller Regisseur. Leider ist das schon viele Jahre her. Seine Belesenheit hat sich seither stark erweitert, wie er in einem Programmheft-Interview glaubhaft macht. Das ergäbe einen guten Dramaturgen. Auf der Bühne, dem Arbeitsfeld eigentlich eines Regisseurs, sieht man davon nichts. Theater sind nicht irgendwelche Faxen, sondern Vorgänge, die den Zuschauer selbst zum Nachdenken anregen. Hier wird nur der große Trichter aufgepflanzt und gefüttert. Durch den aber kommt beim Zuschauen nichts an außer Störelementen. Die aber reichlich. Heiße Luft, aufgebläht zu über drei Stunden.

Schon zur Pause gibt es zarte Buhs, die sich dann zur „Schlacht des Schicksals“ für den einstigen Volksbühnen-Star ausweiten. Auch 1982 bei Hans Neuenfels‘ Inszenierung dieser Oper gab’s ein höchst bewegtes Publikums-Echo. Da allerdings ging’s um was, inhaltlich. Hier fremdschämt man sich nur um den Aufwand bei dieser bräsig-selbstverliebten Dramaturgen-Theaterei.